Standpunkte und Kommentare
Asylsuchende in der Schweiz Ich bin immer wieder konsterniert über die Reaktionen der Bevölkerung in bezug auf Asylsuchende in der Schweiz. Einerseits verstehe ich die Unsicherheit und Zurückhaltung der Freude, da hier mehrere Kulturen aufeinandertreffen, andererseits habe ich Mühe mit der Intoleranz und den verdeckten Vorurteilen gegenüber den Asylbewerbern.Ich tue mich auch schwer mit der Auffassung, dass Asylsuchende ihr Heimatland gerne verlassen und in ein unbekanntes Land reisen, wo sie nichts besitzen, die Sprache nicht beherrschen, mit der Mentalität nicht vertraut und die Lebensumstände nicht sehr komfortabel sind. Jeden Tag werden wir über die Medien mit erschreckenden und unglaublichen Bildern von Krieg, Verfolgung, Folterung und Drangsalierung konfrontiert. Diese Informationsflut prägt sich in unser tägliches Leben ein und wird leider auch zur Gewohnheit, dass wir kaum mehr emotionalen Anteil daran nehmen.Bedauerlicherweise hat nicht jeder Erdenbürger die Möglichkeit, ein so unbeschwertes Leben zu leben wie die Schweizer Bevölkerung. Und deshalb sollten wir die Verpflichtung verspüren, jenen Menschen etwas von unserem Kuchen abzugeben.Es gibt Länder auf dieser Erde, in denen Menschen, die verschiedenen Religionen, Rassen oder Ethnien angehören vorbildlich zusammenleben können. Aber es gibt auch andere und die sollen nicht zu unseren Vorbildern werden. Leider dringt seitens politischer Parteien (insbesondere der SVP) immer wieder das Klischee durch, dass die Schweiz Zufluchtsland für ausländische Kriminelle sei. Vergessen wir aber nicht, dass ein Grossteil dieser ehrenwerten Menschen gezwungen ist, ihre Heimat aus politischer, rassistischer oder religiöser Verfolgung zu verlassen und in einem anderen Land Zuflucht suchen. Dies ist die traurige Bilanz der unfähigen Staatsführer und Politiker.Kriminalität und Gewalt stehen nicht in Verbindung mit Nationalität. Die Ursachen sind etwas differenzierter zu betrachten und stehen u.a. auch im Zusammenhang mit unserer gesellschaftlichen Problematik. Kriminalität und Gewaltbereitschaft sind bei jeder Staatsangehörigkeit zu finden. Auch unter den Schweizern kennen wir kleinere aber auch grössere Kaliber. Im Zusammenhang mit jugendlichen Ausländern möchte ich folgende Erklärung aus dem Bericht «Prügeljugend - Opfer oder Täter ?» von der Eidgenössischen Kommission für Jugendfragen (EKJ) vom September 1998 zitieren: «Bei der Untersuchung der Lage der Jugendlichen in der Schweiz gewährt die EKJ den benachteiligten und ausgegrenzten Jugendlichen sowie jungen Menschen, die wegen ihrer ausländischen Herkunft am Rande der traditionellen Sozialisierungsstrukturen leben, besondere Aufmerksamkeit. Im öffentlichen Diskurs werden die Themen (Jugend)Gewalt/Ausländer oft vermengt und dadurch die Schuld an der zunehmenden Gewalt den jungen Ausländern zugewiesen. Anstatt ausländische Jugendliche als Kernproblem der (Jugend)gewalt zu betrachten - ein Ansatz, den die EKJ klar ablehnt - möchten wir die Sozialisierung, die Beteiligung und die Integration der Jugendlichen, gerade auch der jungen Ausländer und Ausländerinnen, in den Mittelpunkt stellen». Dieser Standpunkt ist zu unterstützen. Wie war das schon wieder mit der Nächstenliebe? Es wäre wünschenswert zu vernehmen, dass Asylsuchende mit mehr Offenheit und Neugierde empfangen werden und der Schwerpunkt mehr auf die Schicksale dieser Menschen gesetzt wird als auf die phrasenhaften und unbarmherzigen Suggestionen von politischer Seite. Man kann auch von Menschen anderer Kulturen viel Neues und Gutes lernen. Ich wünsche mir für das Jahr 1999 mehr Toleranz, Generosität und Mitgefühl gegenüber diesen Menschen. Eric Sigrist (Leserforum - Zürcher Unterländer vom 9. Januar 1999) |