Standpunkte und Kommentare
| Beruf oder Berufung?
Ist es nicht so, dass es gerade in der heutigen Zeit sinnvoll ist, ein guter Menschenkenner zu sein? Verlangt nicht der moderne Zeitgeist danach, diese Fähigkeit zu entwickeln? In den letzten Monaten meldeten die Medien laufend über Ereignisse aus Politik und Wirtschaft, die dafür sprechen: Die Selbstbedienungspolitik der Manager, Mißwirtschaft, die zum Bankrott führt, unqualifizierte Manager, die für ihre schlechte Arbeitsleistung satte Abfindungen in Millionenhöhe erhalten oder Verwaltungsräte, die astronomische Honorare verbuchen. Auch Politiker, die vorwiegend auf ihr eigenes Wohlergehen achten und weniger auf das der Allgemeinheit. Mit was für Menschen haben wir es zu tun? Es ist bekannt, dass Führungskräfte in der Privatwirtschaft und solche, die es gerne sein möchten, in sogenannten Assessments (psychologisches Testverfahren zur Auswahl von geeigneten Führungskräften) auf Herz und Nieren getestet werden. Die Zielsetzung eines Assessments liegt darin, soviel wie möglich über den Bewerber zu erfahren. Wo liegen seine Fähigkeiten? Wo hat er seine Schwächen? Wie reagiert er in bestimmten Situationen? Die Eignungstests sollen beispielsweise Hinweise über Kommunikations- und Entscheidungsfähigkeit, Teamgeist, Selbstbehauptung, Verantwortungsgefühl, Belastbarkeit, Führungseigenschaften und Führungsstil geben. Ziel dieses Testverfahrens ist schliesslich, eine geeignete Person für einen wichtigen Kaderposten zu finden, die dem Anforderungsprofil entspricht. Wieso werden in der Personalselektion Fehlentscheide getroffen und einflussreiche Positionen mit den falschen Personen besetzt, wenn diese Auswahlverfahren so vielversprechend durchgeführt wer-den? Ein Sprichwort aus Afrika sagt: Ein Baumstamm, der jahrelang im Wasser liegt, wird nie ein Krokodil. Im Juni dieses Jahres bin ich im Zürcher Unterländer auf einen Zeitungsartikel eines Berufsberaters gestossen. Dieser ist der Ansicht, dass es keine Berufung für eine bestimmte Tätigkeit gibt. Nun ja, wenn man von der These ausgeht, dass sich jeder Mensch für jede erdenkliche Berufsausübung eignet, ist diese Aussage folgerichtig. Aus der Sicht des Psychophysiognomen ist der Mensch mit individuellen Fähigkeiten und Talenten ausgestattet und daher nicht für jeden Beruf geeignet. Erlauben Sie mir einen Gedankensprung. Die Schweiz hat in der internationalen PISA-Studie nicht sonderlich gut abgeschnitten. Dieser Leistungstest untersucht Wissen in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften 15-Jähriger. So können beispielsweise 20% der Jugendlichen am Ende ihrer Schulzeit einfache Texte nur rudimentär oder überhaupt nicht verstehen. Ein guter Teil der Jugendlichen ist nach den Ergebnissen der PISA-Studie nicht nur auf den Berufseinstieg, sondern auch auf das Leben und auf die Teilnahme am politischen und kulturellen Geschehen schlecht vorbereitet. Wo liegen die Gründe? Vielleicht liegt es am Schulsystem? Die Art und Weise der Unterrichtsmethode? Oder sind vielleicht auch untalentierte Lehrer und Lehrerinnen mit ein Grund für das Ergebnis der Studie? Meines Wissens gibt die PISA-Studie keine Hinweise aus welchen hervorgeht, ob das Resultat einen Zusammenhang hat mit der Eignung, den Lehrerberuf auszuüben. Dieser Faktor sollte meines Erachten unbedingt mitberücksichtigt werden. Die PISA-Studie ist diesbezüglich eine einseitige Betrachtung. Die allgemeine Auffassung geht davon aus, dass wenn sich eine Person zum Lehrerberuf entscheidet und die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen hat, seine Berufseignung in diese Richtung weist. Diesen Standpunkt kann ich nicht teilen. Wenn ein Student Philosophie studiert, heisst das noch lange nicht, dass er ein Philosoph ist. Nicht alle Menschen kommen mit den selben Anlagen zur Welt. Den individuellen Talenten und Begabungen wird noch zu wenig Beachtung geschenkt. Sie werden kaum berücksichtigt. Ein grosser Trugschluß, der Auswirkungen auf die persönliche und berufliche Laufbahn hat. Deshalb ist ein Umdenken sinnvoll. Eric Sigrist |