Standpunkte und Kommentare

 

Chancengleichheit für Frau und Mann

Frauen und Männer haben in unserer Gesellschaft unterschiedliche Rollen, machen auch unterschiedliche Erfahrungen und haben unterschiedliche Interessen. Alle Menschen, ungeachtet deren kulturellen Hintergrund, Ethnie, Religion, sozialen Stellung und nicht zuletzt deren Geschlecht, entwickeln sich dann optimal, wenn sie mit all ihren individuellen Anlagen, Fähigkeiten und Begabungen gefördert werden und diese im Alltag und Berufsleben einsetzen können.

Diese Möglichkeiten stehen auch heute noch nicht allen Menschen – insbesondere den Frauen – offen. Und dennoch hat die Stellung der Frau in der Gesellschaft eine lange, positive Entwicklung hinter sich und verändert sich erfreulicherweise ständig weiter. Im letzten Jahrhundert haben Frauen für deren Gleichstellung auf verschiedenen Gebieten viel erreicht.

Die Frauenbewegung, bzw. der Feminismus geht von einer grundsätzlichen Gleichheit der Geschlechter aus und begründet die zwischen den Geschlechtern existierenden Unterschiede hauptsächlich durch gesellschaftliche Machtstrukturen und die Sozialisation der Menschen. Die Anhängerinnen dieser Strömung kämpfen für die Aufhebung sämtlicher geschlechtsspezifischen gesellschaftlichen Unterschiede, um so den Menschen zu ermöglichen, nach ihren individuellen Fähigkeiten und Vorlieben zu leben, statt nach gesellschaftlich vorgegebenen Geschlechterrollen. Feminismus hinterfragt und analysiert patriarchalische Werte und soziale Strukturen, die die Dominanz von Männern und die Unterordnung von Frauen behaupten und hervorbringen. Es gibt nicht DIE feministische Theorie, sondern eine Vielfalt von unterschiedlichen Richtungen.

Chancengleichheit
«Mann und Frau sind gleichberechtigt. Das Gesetz sorgt für ihre rechtliche und tatsächliche Gleichstellung, vor allem in Familie, Ausbildung und Arbeit. Mann und Frau haben Anspruch auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit.» (Bundesverfassung Art. 8, Absatz 3). Wie wir wissen und möglicherweise auch schon selber erfahren haben, sind Gesetzesartikel zwar hilfreich, oftmals sieht die Realität jedoch etwas anders aus. Für das Ziel der Chancengleichheit für Mann und Frau ist noch ein weiter Weg zu gehen und führt zu Recht immer wieder zu Diskussionen. Heftige Auseinandersetzungen hat wiederum das kürzlich veröffentlichte Vatikan-Papier «Über die Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Kirche und in der Welt» verursacht. Einerseits stößt dieses auf scharfe Kritik und andererseits auch auf vorsichtiges Lob der Frauen. Dass seitens der katholischen Kirche noch einige Schritte in eine zukunftsorientierte Glaubenswelt für eine moderne Lebensgemeinschaft gemacht werden müssen, steht ausser Frage.

Selbstverständlich sind auch jene Personen in sog. Machtpositionen im wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Bereich dazu aufgefordert, sich für Chancengleichheit für Mann und Frau einzusetzen, diese zu fördern und zu unterstützen.

Gender Mainstreaming
Gender Mainstreaming ist der Begriff für eine neue politische Strategie, deren Ziel es ist, eine wirkliche Chancengleichheit und Gleichbehandlung von Frauen und Männern durchzusetzen. «Gender» (engl. Ausdruck für das soziale Geschlecht im Gegensatz zum biologischen Geschlecht) bezeichnet dabei die sozialen Unterschiede zwischen Männern und Frauen, und «mainstreaming» (Hauptstrom) bezieht sich auf geschlechterbewusstes Wissen, aus dem sich entsprechende Handlungs- und Entscheidungsmuster ergeben. Dieser Begriff ist keineswegs neu. Er ist bereits in Zusammenhang mit der steigenden Bedeutung der Rolle der Frau in der Gesellschaft in den 60er Jahren erstmals in der Literatur aufgetaucht. An der 3. Weltfrauenkonferenz 1985 in Nairobi/Kenia wurde dieser Terminus in der Kommission der Vereinten Nationen über die Rechte der Frau diskutiert und fand Zugang in die internationale Literatur. Den definitiven Durchbruch fand diese Bezeichnung schließlich an der 4. Weltfrauenkonferenz 1995 in Beijing.

«Unter Gender-Gleichstellung versteht man, dass Frauen und Männer gleichermassen in den Genuss von sozialen Gütern, Chancen, Ressourcen und Anerkennung kommen. Das Ziel ist nicht, dass Frauen und Männer gleich werden, sondern dass ihre Möglichkeiten und Lebenschancen sich angleichen und gleich bleiben.» (OECD 1998)

Die UNO, wie auch der Europarat und die EU haben Berichte zum Gender Mainstreaming verfasst und Instrumente erarbeitet, welche die Staaten zur Einführung von Gender-Mainstreaming-Strategien auf internationaler, nationaler und kommunaler Ebene auffordern und anleiten. Diese Strategien werden propagiert, um die strukturellen Ursachen der Frauendiskriminierung zu beseitigen. Aber nicht nur das. Das Ziel beinhaltet die Erreichung einer Chancengleichheit von Frauen und Männern ohne Einschränkung durch gesellschaftlich bedingte geschlechtsspezifische Rollenmuster. Die unterschiedlichen Zielvorstellungen, Verhaltensweisen, Bedürfnisse und Werte von Frauen werden gleichermassen anerkannt, berücksichtigt und gefördert wie jene der Männer.

Der Europarat hat 1998 die gleichstellungspolitische Strategie wie folgt definiert: «Gender Mainstreaming besteht in der (Re-) Organisation, Verbesserung, Entwicklung und Evaluierung politischer Gestaltungsprozess mit dem Ziel, dass die daran beteiligten Akteurinnen und Akteure die Perspektive der Gleichstellung von Frauen und Männern in allen Bereichen, auf allen Ebenen und in allen Phasen des Prozesses mit einbeziehen.»

So gilt es diese Worte in die Taten umzusetzen, um die Benachteiligung von Frauen, aber auch Männern in den Bereichen aufzuheben, in denen das jeweilige Geschlecht derzeit nicht chancengleich partizipieren kann. So bleibt mir zum Schluss nur noch den humorvollen Sir Peter Ustinov zu zitieren: « Die Männer würden den Frauen gerne das letzte Wort lassen, wenn sie sicher sein können, dass es wirklich das letzte ist.»

Eric Sigrist

26. August 2004

 

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