Standpunkte und Kommentare

 

Gerechtigkeit – eine Worthülse?

Immer häufiger sehen sich Richter gezwungen, im politischen Geschehen zu intervenieren. Aus den Medien hören wir entsprechend viele Meldungen, dass staatliche Repräsentanten in Fällen von Bestechung, Geldwäscherei, Schmiergelder, Terrorakten, Korruption und Menschenrechtsverletzungen involviert sind. Skandale kommen uns aus allen Teilen der Erde zu Ohren. Auch die weisse Schweizerweste ist stark am Ergrauen und Miefen. Es drängt sich die Frage auf, ob solche Affären schon in früheren Zeiten an der Tagesordnung waren oder ob die heutige Medienlandschaft vermehrt neue Fälle aufdeckt. Ich denke, beides wird seine Wahrheit haben.

Ein aktueller Fall: Der absolute Höhepunkt von Impertinenz hat das höchste Zivilgericht in Frankreich erreicht. Dieses hat dem Staatschef Jacques Chirac strafrechtliche Immunität zugesprochen. Dies, obwohl der Verdacht auf Korruptionsaffären besteht. Die Erklärung der Kassationsrichter lautet, dass gemäss Verfassung ein Präsident direkt vom Volk gewählt wird und für das regelmässige Funktionieren der öffentlichen Hand sowie die Kontinuität des Staats verantwortlich ist. Mit dieser Entscheidung gibt man den Politikern einen Freipass für sämtliche Untaten, die sie vor, während und nach ihrem Amt leisten. Wieso sollen sich Politiker hohen Ranges aufführen können wie kreischende Gockel auf einem Misthaufen und politische Immunität geniessen? Ist es deshalb möglich, dass Präsident Putin im Ausland mit dem roten Teppich empfangen wird, obwohl er durch seine skrupellose und verbrecherischen Terrorakte in Tschetschenien tausende Zivilopfer auf dem Gewissen hat? Man vergesse nicht, dass Putin die NATO-Bomben gegen Jugoslawien kritisiert hat.

Aus aktuellem Anlass zanken sich in diesen Tagen 189 Mitgliedstaaten an der General- versammlung der Vereinten Nationen in einer Sondersitzung über die Definition von Terrorismus. Die Mehrheit bekräftigt ihre Meinung, dass ein Staat nicht an den Pranger gestellt werden soll für Terrorismus. Die Definition soll sich nur auf gewalttätige Akte einzelner Personen resp. von Gruppen und Organisationen beschränken. Soll uns das in Erstaunen versetzen? Nein. Denn, wenn Staatsterrorismus strafrechtlich verankert wäre, hätte der Internationale Gerichtshof in Den Haag noch ein paar Aktenbündel mehr zu bewerkstelligen. Da stellt sich nun wirklich die Frage: Welchen Personen vertrauen wir die Weltpolitik an? Sind sie alle käuflich?

Eric Sigrist
17. Oktober 2001
(Leserforum - Zürcher Unterländer vom 24. Oktober 2001)

 

schliessen