Standpunkte und Kommentare

 

«Wir Schweizer sind immer mehr die Neger!»

In den letzten Wochen debattierte man in den Medien über ein Wort, das so etliche Diskussionen entfacht hat. Ich spreche vom der Bezeichnung «Neger». Auslöser dafür war das Vorhaben der SVP mit dem Werbeslogan: «Wir Schweizer sind immer mehr die Neger!» eine Wahlkampagne zu starten. Nun kann man sich in der Tat darüber streiten, ob das Wort «Neger» ein rassistisches und diskriminierendes Schimpfwort sei oder eben nicht. Die Völker des größten Teiles Afrikas und die Nachfahren der Sklaven, die in diesen Regionen gefangen wurden, sind meist als Neger bezeichnet worden. Wie viele andere Bezeichnungen, die früher verwendet wurden, um Menschen zu benennen, denen ein unterlegener sozialer Status zugewiesen wurde, ist die Bezeichnung «Neger» mit einem negativen Sinngehalt behaftet, und zumindest in den USA werden Schwarze heute als Afroamerikaner oder African American bezeichnet. Der Begriff ist gleichbedeutend dem französischen nègre entlehnt und das seinerseits geht auf das lateinische niger (schwarz) zurück.

Der Kontext ist maßgebend
Das Ziel solcher provokativer Werbung ist, suggerierte Formulierungen zu verwenden, die mit negativen Bildern und Vorurteilen behaftet sind, um die Bevölkerung von einer bestimmten Gesinnung zu überzeugen. In diesem Fall wird mit Absicht das Wort «Neger» eingesetzt, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Wenn ein Antisemit einen jüdischen Witz erzählt hat das einen besonders rassistischen Charakter. Wenn der gleiche Witz von einem Juden erzählt wird erhält er eine ganz andere Aussagekraft. Es kommt also auf den Zeitpunkt und den Zusammenhang an. Ich meine, dass die SVP ganz bewusst stereotyp pointiert und somit ein Ausdruck mißbraucht hat. Wenn nun politische Parteien genau mit solchen polemischen Termini Werbung in eigener Sache betreiben, so rücken sie sich selbst auf ein politisches Niveau, das doch eher fragwürdig ist und vor allem nicht die zeitgemässen Ansprüche erfüllt.

Multikulturelle Gemeinschaft
Es ist nicht zu verleugnen, dass wir in einer multikulturellen Gemeinschaft leben. Dabei wird oft behauptet, das Zusammenleben gestalte sich gerade deshalb so schwierig, weil Menschen – im Gegensatz zu früher – aus sehr viel entfernteren Teilen der Welt in die Schweiz einwandern. Sie stammen aus völlig verschiedenen Kulturkreisen, die mit dem hiesigen Verständnis von Gesellschaft nicht vereinbar wären. Immer wieder wird beklagt, dass durch zu viele Fremde im Land die heimische Gemeinschaft und die Traditionen zerfallen. Bereits in den 50er und 60er Jahren wurden Worte laut, dass italienische und spanischen Gastarbeiter zu Überfremdung führen würden. Heute sind es Menschen aus einer anderen europäischen Herkunft wie z. B. dem Balkan oder vom afrikanischen Kontinent die zuwandern. Hier ist aber meiner Ansicht nach weder aufgeregte Stimmungsmache noch tiefste Besorgnis am Platz.
Es gilt viel mehr mit den vermeidlichen oder tatsächlich vorhandenen Konflikten zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft Brücken zu schlagen. Gemeint ist, miteinander reden, sich gegenseitig erklären und versuchen sich zu verständigen.

Interkulturelle Kommunikation
Kommunikation, resp. Sprache und Kultur sind sehr eng miteinander verbunden, ja man kann sagen, sie sind unzertrennlich. Beide Elemente bilden einen bedeutsamen Bestandteil in der kulturellen Gemeinsamkeit. Kultur unterliegt ständigen Veränderungen und muss je nach Entwicklung immer wieder neu definiert werden. Es geht also darum innerhalb der verschiedenen Kulturkreisen Verständigung zu schaffen. Interkulturelle Kommunikation soll bei allen Beteiligten das Bewusstsein dafür schärfen, dass es andere Lebensgewohnheiten und andere Auffassungen darüber gibt, wie das Leben zu gestalten sei.
Bei Integration geht es um Toleranz, um Verständigung, aber auch um notwendige Auseinandersetzung und Klärung unterschiedlicher Positionen. Kommunikation ist dafür notwendig, insbesondere über kulturell begründete Grenzen hinweg. Oder kurz: Anstatt Angst schüren den Dialog suchen.

Eric Sigrist
10. September 2003

 

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